Reverse the Red: 6 bedrohte Tierarten, die eine zweite Chance erhalten
Von Meeresschildkröten bis Bartgeier: Diese sechs Tierarten verdanken ihr Comeback engagierten Naturschützern und Schutzprojekten.
Die Lage ist ernst: Am 9. Juli 2026 hat die Weltnaturschutzunion (IUCN) ihre Rote Liste der gefährdeten Pflanzen-, Pilz- und Tierarten aktualisiert und die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Von insgesamt 175.909 erfassten Arten gelten mehr als 49.500 als bedroht. Das ist fast ein Drittel. Und doch gibt es inmitten dieser bedrückenden Bilanz Geschichten, die Mut machen. Bedrohte Arten, die vom Rand des Aussterbens zurückgekehrt sind, zeigen, dass Schutzprojekte wie Reverse the Red funktionieren. Diese Erfolge beweisen, dass Artenschutz wirkt, wenn er konsequent betrieben wird.
Wir zeigen sechs beeindruckende Beispiele von Tieren, die eine zweite Chance bekommen haben.
#1 Die Grüne Meeresschildkröte
Im Oktober 2025 wurde die Grüne Meeresschildkröte auf der Roten Liste von „gefährdet“ auf „nicht gefährdet“ herabgestuft. Ein historischer Erfolg. Dahinter stehen jedoch mehr als fünf Jahrzehnte konsequente Schutzarbeit.
In den 1960er- und 70er-Jahren wurden Grüne Meeresschildkröten millionenfach für Fleisch, Eier und Öl getötet. Zum Erhalt der Tierart wurden in den darauffolgenden Jahren viele internationale Schutzgesetze erlassen. Technisch entscheidend war die Einführung sogenannter „Turtle Excluder Devices“ in Schleppnetzen, die gefangenen Tieren eine Fluchtmöglichkeit bieten. Lokale Gemeinschaften übernahmen den Schutz von Nistplätzen, verlegten Gelege in Brutanstalten und sicherten schlüpfende Jungtiere.
Das Ergebnis ist beeindruckend. Die Weltpopulation der grünen Meeresschildkröte hat sich seit den 1970er Jahren um rund 28 Prozent erholt. Ökologe Neil Cox bezeichnete die Erholung als „vielleicht der überzeugendste weltweite Beleg dafür, dass Naturschutz funktioniert, wenn ausreichend politischer Wille vorhanden ist.“
Dennoch bleibt Vorsicht geboten, da Arten weiterhin vom Klimawandel sowie der Plastik- und Lichtverschmutzung an Stränden bedroht werden. Die nächste Neubewertung ist für 2030 geplant.
Diese Tierart galt in der Wildnis bereits als ausgestorben.
#2 Das Przewalski-Pferd
Es ist eine der bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten des modernen Artenschutzes. Das Przewalski-Pferd wurde 1970 von der Weltnaturschutzunion IUCN noch als „in der Wildnis ausgestorben" eingestuft. Heute lebt es wieder frei in der mongolischen Steppe. Im Zentrum dieser Wende steht eine französische Organisation, die gemeinsam mit „WWF Mongolia“ die Region Khomyn Tal im Westen der Mongolei als neues Auswilderungsgebiet identifizierte. Studien zur Vegetation, Tierwelt und Gespräche mit lokalen Hirten zeigten, dass das Gebiet ideale Voraussetzungen für eine Wiederansiedlung bot.
In der Folge wurden 2004 und 2005 insgesamt 22 Individuen aus Frankreich in das 14.000 Hektar große Kerngebiet umgesiedelt. Die Ergebnisse sprechen für sich: Bis Juli 2021 wuchs die Population auf 120 Tiere an, die Gesamtpopulation in der Mongolei zählte zu diesem Zeitpunkt rund 850 Individuen. Auch das Ökosystem erholte sich spürbar. So wuchsen Sanddornwälder entlang des Zavkhan-Flusses von 100 auf 1.000 Hektar an. Im Mai 2020 erklärte die mongolische Regierung Khomyn Tal zum Nationalpark.
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Hier geht es nach Südamerika.
#3 Der Gelbohrsittich
Als Forscher*innen 1999 in Kolumbien nach dem Gelbohrsittich suchten, zählten sie gerade noch 81 Vögel. Die Art galt seit 1994 auf der Roten Liste als „kritisch gefährdet“ und die Population war in Ecuador bereits vollständig verschwunden. Der Hauptgrund ist die massive Abholzung der Andenwachspalme, Kolumbiens Nationalbaum und bevorzugter Nistplatz des Sittichs. Genutzt wurde die abgeholzte Palme für Weideland, Zaunpfähle und religiöse Feiern, bei denen die Palmwedel traditionell als Schmuck verwendet wurden.
1998 begann man damit, die letzten bekannten Bestände zu untersuchen. Der Rettungsplan war mehrstufig. Es wurden:
- verbliebene Palmenhaine eingezäunt
- Aufforstungsprojekte gestartet
- Künstliche Nistkästen installiert
- ein Umweltbildungsprogramm für die lokale Bevölkerung entwickelt
Besonders wichtig war die Zusammenarbeit mit Gemeinden und Kirchen. Über die Jahre konnte der Bedarf an Palmwedeln bei religiösen Festen deutlich gesenkt werden. Heute ist die Tradition umgekehrt: Statt Palmen zu ernten, werden bei Festen Wachspalmen-Setzlinge gepflanzt.
Die Ergebnisse nach mehr als zwei Jahrzehnten sind vielversprechend. Die Population des Gelbohrsittichs ist in Kolumbien auf über 3.800 Individuen angewachsen. Der IUCN-Status verbesserte sich von „kritisch gefährdet“ auf „gefährdet“. Zwei Schutzgebiete mit insgesamt 4.200 Hektar wurden eingerichtet, die 2009 nochmal erweitert wurde. Inzwischen werden auch Wiederaufforstungsmaßnahmen in Ecuador finanziert, wo die Art einst verschwunden war.
Bei der Rettung des nächsten Tieres war ein deutscher Zoo besonders intensiv beteiligt.
#4 Das Philippinische Krokodil
Weniger als 200 ausgewachsene Tiere. So lautete 2016 die erschreckende Bestandsschätzung für das Philippinische Krokodil. Seit 1996 führt die IUCN die Art als „kritisch gefährdet“. Lebensraumverlust, Verfolgung durch die Landbevölkerung und Beifang in Fischernetzen haben die Bestände schrumpfen lassen. Erschwerend kam hinzu, dass einige Nachzuchtprogramme unbemerkt Hybride mit dem Salzwasserkrokodil enthielten und damit für Auswilderungen ungeeignet waren.
Die Lösung kam 2012 aus Europa. Der Europäische Zooverbund entwickelte ein Zuchtbuch für die Art, koordiniert vom Kölner Zoo. Genetische Analysen stellten sicher, dass alle erfassten Tiere reinrassig sind. 2013 gelang dem Kölner Zoo die erste erfolgreiche Nachzucht des Krokodils in Europa. Bis Ende 2021 gab es 51 reinrassige Tiere in 13 Einrichtungen.
Im Dezember 2020 wurden schließlich die beiden fünfjährigen Männchen „Hulky" und „Dodong" von Köln auf die Philippinen gebracht. Aufgewachsen unter Mutterbetreuung und gut sozialisiert, galten sie als ideal für die Auswilderung. Nach einer Quarantänephase wurden sie auf der Insel Siargao in einem Schutzgebiet freigelassen. Dort hat bereits eine angesiedelte Population erfolgreich Nachwuchs produziert. Eine weitere Gruppe Jungtiere ist im Juni 2021 in Köln geschlüpft und wächst bereits für die nächste Freilassung heran.
Lokal ausgestorben: dieses Tier wurde in Indien wieder angesiedelt.
#5 Das Panzernashorn
Im März 2026 wurden vier Panzernashörner in das „Dudhwa-Tiger-Reservat“ im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh ausgewildert. Die Aktion ist ein Meilenstein für den Artenschutz in der Region. Damit leben im Dudhwa-Reservat inzwischen acht frei lebende, ausgewachsene Panzernashörner. Zwei ähnliche Umsiedlungsaktionen hatten bereits im Vorjahr stattgefunden, und die damals ausgewilderten Tiere haben sich offenbar gut eingelebt. Aus dem Feld wurden erste Kälber gemeldet. Auch eine Tigerpopulation lebt dort und wird nun genau beobachtet, wie sie auf ihre neuen Nachbarn reagiert.
Panzernashörner waren in Teilen Nordindiens Ende des 19. Jahrhunderts durch Jagd und Wilderei lokal ausgestorben. Ihre Rückkehr in den Terai, ein Gebiet aus Grasland, Feuchtgebieten und Wäldern am Fuß des Himalaya, ist damit auch eine Rückkehr in ihren historischen Lebensraum.
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Dieser Vogel ist in Europa beheimatet.
#6 Der Bartgeier
In den 1970er Jahren waren nur noch rund 70 Brutpaare des Bartgeiers in Westeuropa übrig. Heute wächst die Population wieder, dank eines der langlebigsten und erfolgreichsten Wiederansiedlungsprogramme Europas.
Den Grundstein legte eine Konferenz von Geierexpert*innen 1978 in der Schweiz. Die Entscheidung fiel darauf, ein Zuchtprogramm aufzubauen und die Art gezielt wieder auszuwildern. Rund 30 Bartgeier aus europäischen Zoos wurden zusammengeführt und einer internationalen Stiftung anvertraut. 1982 benannten Forscher*innen fünf potenzielle Auswilderungsgebiete in den Alpen. Das Ergebnis: Der Nationalpark Hohe Tauern in Österreich war am besten geeignet. Dort fanden in den 1980er Jahren die ersten Freilassungen statt.
Das Projekt war anspruchsvoll, da Bartgeier fünf bis sieben Jahre bis zur Geschlechtsreife benötigen und meist erst ab acht Jahren brüten. Zudem ziehen sie pro Jahr nur ein Küken auf. Trotzdem wurden zwischen 1978 und 2020 insgesamt 585 Jungtiere erfolgreich aufgezogen und in Südeuropa ausgewildert. Die Überlebensrate liegt zwischen 88 und 96 Prozent.
Verhalte dich bei Tierbegegnungen so.
Richtig handeln bei seltenen Tierbegegnungen
Die Begegnung mit seltenen Tieren ist für viele ein aufregender Moment und zugleich ein Zeichen dafür, dass Naturschutz wirken kann. Doch gerade bedrohte Arten benötigen Ruhe und Rücksicht. Expert*innen empfehlen daher, Wildtiere ausschließlich aus sicherer Entfernung zu beobachten und ihnen ausreichend Raum zu lassen. Auf Annäherungsversuche, Berührungen oder Fütterungen sollte verzichtet werden, da dies die Tiere stressen und ihr natürliches Verhalten beeinflussen kann. Besonders wichtig ist es, Nester, Höhlen und Jungtiere nicht zu stören.
Wer die Sichtung fotografieren möchte, sollte dies möglichst unauffällig und mit genügend Abstand tun. Darüber hinaus können Beobachtungen seltener Arten bei Meldeportalen wie NABU gemeldet werden. Solche Daten helfen Forschenden und Naturschützer*innen dabei, Bestände zu erfassen, Entwicklungen zu verfolgen und Schutzmaßnahmen gezielt anzupassen. So wird aus einer besonderen Begegnung nicht nur eine schöne Erinnerung, sondern auch ein kleiner Beitrag zum Erhalt bedrohter Arten.
So kannst du ganz einfach helfen.
4 Dinge, die jeder für bedrohte Arten tun kann
Artenschutz beginnt nicht erst in Nationalparks, sondern oft direkt vor der eigenen Haustür. Schon kleine Veränderungen können einen Unterschied machen:
- Heimische Pflanzen anbauen: Sie bieten Nahrung und Lebensraum für Bienen, Schmetterlinge und andere wichtige Bestäuber
- Auf Pestizide verzichten: Chemische Pflanzenschutzmittel können Insekten und andere Tiere schädigen
- Müll vermeiden und richtig entsorgen: Plastik und Abfälle gefährden zahlreiche Tierarten an Land und im Wasser
- Nachhaltig konsumieren: Umweltfreundliche und zertifizierte Produkte helfen dabei, Lebensräume zu erhalten und den Druck auf bedrohte Arten zu verringern
Informiere dich auf diesen Seiten.
Jede Hilfe zählt
Trotz der alarmierenden Zahlen der Roten Liste zeigen diese sechs Geschichten vor allem eines: Artenschutz kann funktionieren. Die Erfolge beweisen, dass bedrohte Arten eine zweite Chance haben, wenn Menschen entschlossen handeln. Doch viele Tierarten sind weiterhin gefährdet. Deshalb braucht der Naturschutz auch in Zukunft Unterstützung. Jeder Beitrag zählt, sei es durch Spenden, ehrenamtliches Engagement, nachhaltigen Konsum oder das Teilen von Wissen.
Informiert euch gern bei diesen Tierschutzorganisationen:
https://www.wwf.de/aktiv-werden